Als Teil eines kreuzungsfreien Eisenbahnknotens überqueren zwei neue Gleise die Magadinoebene auf zwei unterschiedlichen Viadukten. Der Raum unter ihnen bleibt durchlässig und offen für zukünftige Entwicklungen.

Architekten U. Huber, P. Feddersen, R. Klostermann, F. Ruchat-Roncati, P. Sigrist
Ingenieure Rohbau Consorzio Ingegneri Piano di Magadino (CIPM); Consorzio Ingegneri ITC Itecsa-Toscano (ITC)
Planungs- und Bauzeit 1992–2021

Vertretung Bauherrschaft

Th. Bühler (seit 2016), A. Regli (2007–2017), W. Schneebeli (1994–2007), P. Zbinden (bis 1997)

Auftraggeber AlpTransit Gotthard AG (ATG)

Die Portallandschaft von Camorino gehört zu den eindrücklichsten Abschnitten der neuen Alpentransversale durch den Gotthard. Während beim Gotthard-Basistunnel die Bahn schleifend in Aufschüttungen und Überwerfungen verschwindet, trifft sie beim Nordportal des Ceneri-Basistunnels frontal auf den Berg, der steil und abrupt aus der Ebene aufsteigt. In einer weiten Kurve holt die Trasse von Bellinzona her Schwung und vollführt eine Gegenbewegung zu jener der Autobahn, die sich dem Hang anschmiegt. Das Nebeneinander von zwei nicht parallelen Viadukten mit unterschiedlichen Längsprofilen verstärkt den Eindruck von Dynamik zusätzlich. Während der kürzere in Richtung Lugano nach der Querung der Autobahn absinkt, gewinnt der grössere zunächst sogar noch an Höhe, um später unmittelbar im Tunnelportal zu verschwinden. Er überquert dabei die Trasse Locarno – Lugano, aber auch jene einer zukünftigen Schnellbahn Zürich – Mailand, die Bellinzona in einem Tunnel umfahren würde. Nach der Vision des Kantons entstünde an dieser Stelle dereinst eine «Stazione Ticino» und um sie herum eine neue Stadt. Vorläufig jedoch queren die Viadukte noch die Kulturlandschaft der Ebene. Die von den Ingenieuren vorgeschlagenen V-Stützen verkürzen die Spannweiten und können die enormen Bremskräfte aufnehmen. Vor allem aber unterstreichen sie die Kontinuität und Einheit des Bauwerks und verleihen ihm eine grosse Leichtigkeit und Transparenz. Bei der Unterführung der Kantonsstrasse wurde das Thema der Schrägen aufgegriffen. Die Mittelwand wurde gitterartig aufgelöst und ein komplex geformter, gleichsam tanzender Pfeiler vermittelt zwischen den Geometrien von Bahn und Strasse. Dies passt bestens ins Gesamtkonzept der Beratungsgruppe für Gestaltung BGG, welche die Arbeit der unterschiedlichen Ingenieurteams begleitet und verantwortlich ist für ein einheitliches Erscheinungsbild der Gotthardachse der NEAT. Vielleicht am eindrücklichsten zeigt sich deren Leistung beim eigentlichen Tunnelportal. Eine Treppenanlage verbindet die beiden Öffnungen des Tunnels zu einer Einheit. Sie erleichtert die Zugänglichkeit, formt aber auch eine Art Theater des Verkehrs, das eine besondere Perspektive auf das Jahrhundertbauwerk eröffnet. Vortretende Röhren schützen die Öffnungen des tiefen, im Berg verborgenen Raums und geben diesem ein Gesicht. Die Brücke verschwindet darin, ohne dass ein Auflager sichtbar wird. Eindrücklicher liesse sich kaum artikulieren, wie die Trasse der Bahn den Berg durchdringt.

  • Die Grosszügigkeit der Radien und Steigungen der Viadukte vermittelt einen Eindruck der Geschwindigkeit der Züge. Die Ordnung der Dynamik überlagert die ruhige Ordnung der Ebene.

  • V-Stützen verleihen den beiden Brücken eine einprägsame, elegante Gestalt. Die komplexen Auflager lassen die enormen Herausforderungen erahnen, die der Baugrund gestellt hat. Sie erlauben es, bei Bedarf auf Bewegungen zu reagieren.

  • Beim Tunnelportal werden Viadukt, Tunnel und Berg verklammert. Stufen fassen die beiden Öffnungen, die überdies auf unterschiedlicher Höhe liegen, zu einem Portal zusammen. Der Querschnitt der Brücken mit ihrem charakteristischen Konsolenkopf basiert auf den Gestaltungsrichtlinien von AlpTransit Gotthard.

  • Sollte dereinst eine noch schnellere Verbindung die Städte Bellinzona und Lugano umfahren, könnte hier nach der Vorstellung des Kantons und seiner Gruppo di riflessione per il progetto AlpTransit Ticino eine zentrale Haltestelle entstehen. Die Viadukte sichern die Flexibilität für die zukünftige städtebauliche Entwicklung.